Gefährliche Erbschaften (Vortrag+Film)

http://www.youtube.com/watch?v=PidgAssv89c

Wie reicht das Schweigen über den Nationalsozialismus in Täter*innen-Familien bis in unsere Gegenwart hinein? Wie strukturiert es unser Fühlen und Handeln? Und wie korrespondiert es mit der offiziellen Erinnerungskultur und dem enthemmten völkischen Nationalismus dieser Tage? Anhand von Interviews mit ihren Familien beschäftigen sich KGI (KGI: Büro für nicht übertragbare Angelegenheitenin) einer Lecture mit ihren verdrängten und unbewussten nationalsozialistischen Gefühlserbschaften. Der Abend wird obendrein durch zwei Vorträge der Sozialpsycholog*innen Prof. Dr. Angela Moré und Dr. Markus Brunner begleitet und zeigt das erste Recherche-Ergebnis für KGIs neue Theater-Produktion, die 2021 im Ringlokschuppen Ruhr Premiere haben wird. Dort beschäftigen sich KGI vor der Folie des legendären Heimatmythos Heidi mit Ursprungsmythen und Großeltern-Kind Beziehungen.

1. Online-Vortrag: Gefühlserbschaften des Nationalsozialismus (Dr. Markus Brunner)

Die Zeit nach 1945 ist in den post-nationalsozialistischen Ländern von vielfältigen psychischen und psychosozialen Abwehrprozessen begleitet, die die Erinnerung an den Nationalsozialismus bis heute verzerren und politische und soziale Dynamiken mitbestimmen.Der Beitrag lenkt den Blick darauf, wie die vor 1945 mehrheitlich vorhandenen Identifizierungen mit dem NS und die damit einhergehenden Verstrickungen in seine Verbrechen nach der Kriegsniederlage psychisch prozessiert wurden. Die These ist, dass innerpsychisch eine „Krypta“ gebildet wurde, in der die Triumphgefühle und die Versprechen, die der NS seiner Gefolgschaft gab, versteckt, aber auch bewahrt wurden – in der Hoffnung auf eine Wiederkehr.
Markus Brunner ist Sozialpsychologe und Soziologe und leitet an der Sigmund Freud Universität in Wien den Master-Studienschwerpunkt „Sozialpsychologie und psychosoziale Praxis“ mit. Er ist Mitbegründer der Gesellschaft für psychoanalytische Sozialpsychologie, Mitherausgeber der Zeitschriften „Freie Assoziation“ und „Psychologie und Gesellschaftskritik“ und lehrt, forscht und publiziert im Bereich der psychoanalytisch orientierten Sozialforschung.

2. Online-Vortrag: Mechanismen der unbewussten transgenerationalen Weitergabe von Scham, Schuld und Trauma (Prof. Dr. phil. Angela Moré)

Zu Beginn geht der Vortrag kurz auf die Entstehung der Erkenntnisse über transgenerationale Übertragungen ein. Im Zentrum stehen jedoch die psychischen Mechanismen der unbewussten Weitergabe von nicht verarbeiteten Traumata und Schuldverstrickungen durch unbewusste affektive und (körper-)sprachliche Signale. Schließlich werden die psychischen und psychosomatischen Folgen und Verarbeitungsmöglichkeiten bei den Nachkommen angesprochen.
Angela Moré ist Sozialpsychologin und Gruppenanalytikerin an der Leibniz Universität Hannover. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Transgenerationale Gefühlserbschaften, unbewusste Gruppenprozesse, Gender-Forschung, Körperbild-Forschung, psychoanalytische Entwicklungspsychologie, gesellschaftliche Transformationsprozesse.

Eine Produktion von KGI in Koproduktion mit Ringlokschuppen Ruhr und der Theaterallianz vier.ruhr. Gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, im Rahmen der Konzeptionsförderung und von der Kunststiftung NRW.